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/ 11.06.2013
Joachim Kreische

Konstruktivistische Politiktheorie bei Hobbes und Spinoza

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Fundamenta Juridica 35); 262 S.; ISBN 3-7890-6619-2
Rechtswiss. Diss.; Gutachter: M. Walther. - Die meisten Arbeiten der politischen Theorie rekurrieren an irgendeiner Stelle auf Hobbes, und sei es nur, um sich der zum Bonmot avancierten Formel vom "Krieg aller gegen alle" zu bedienen. Kreisches Studie allerdings vermag es wirklich, Hobbes und den in der politischen Theorie weitgehend vergessenen Spinoza eindrucksvoll als moderne politische Denker auszuzeichnen, ohne dabei in die beliebten Deutungen von Hobbes als Ahnvater des Liberalismus (Carl ...
Joachim Kreische

Konstruktivistische Politiktheorie bei Hobbes und Spinoza

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Fundamenta Juridica 35); 262 S.; brosch., 76,- DM; ISBN 3-7890-6619-2
Rechtswiss. Diss.; Gutachter: M. Walther. - Die meisten Arbeiten der politischen Theorie rekurrieren an irgendeiner Stelle auf Hobbes, und sei es nur, um sich der zum Bonmot avancierten Formel vom "Krieg aller gegen alle" zu bedienen. Kreisches Studie allerdings vermag es wirklich, Hobbes und den in der politischen Theorie weitgehend vergessenen Spinoza eindrucksvoll als moderne politische Denker auszuzeichnen, ohne dabei in die beliebten Deutungen von Hobbes als Ahnvater des Liberalismus (Carl Schmitt) oder als Apologeten der absoluten Monarchie oder gar Wegbereiter des totalen Staates zurückzufallen. Seine durchaus provokante, in der Studie allerdings eindrucksvoll eingelöste These lautet, dass gerade Hobbes' Versuch, Politik auf naturwissenschaftlicher Methodik zu fundieren, modern anmutet und fruchtbringend ist: "Ich möchte das von Hobbes unzweifelbar geforderte Junktim zwischen geometrischer Methode und politischer Wissenschaft [...] verteidigen." (11 f.) Dies tut er im dritten Kapitel (49-136), nachdem er zunächst den Entstehungskontext der konstruktivistischen Politiktheorie umreißt, die sich zur Zeit der Bürger- und Glaubenskriege gegen die vorherrschende aristotelische Vorstellung einer teleologisch-vernünftigen Gesellschaftsordnung gerichtet hatte (15-48). Kreische rekonstruiert Hobbes' mos geometricus als eine "verfahrensrational begründete Wissenssoziologie, die [...] auf eine pragmatische Sprachtheorie zurückgreift" (12). Nicht die hobbessche Wissenschaftstheorie, sondern deren inkonsequente Transformation in eine politische Theorie macht der Autor für die Probleme der hobbesschen Machttheorie verantwortlich. Erst die vollständige Formalisierung und Entnormativierung der politischen Theorie, die sich bei Spinoza findet, führe den hobbesschen Anspruch konsequent durch. Im vierten Kapitel (137-214) zeigt Kreische, dass Spinozas politischer Traktat als Fortführung seiner konstruktivistischen Ethik verstanden werden kann. Abschließend wendet er sich mit Rekurs auf das "Methodenpotential bei Hobbes" (12) und den politischen Realismus bei Spinoza gegen "das Selbstverständnis der westlichen Staats- und Verfassungstradition [...], das in der Zivilität der modernen Demokratie die Anwendung rationaler Normforderungen sehen will, die sich im Emanzipationskampf des Bürgertums der Aufklärung durchgesetzt hätten" (12 f.). Diese Schlussbemerkung zeigt, dass die Thesen des Autors durchaus streitbar sind und wohlbegründeten Widerspruch herausfordern – auch deshalb ist das Werk im Ganzen unbedingt lesenswert: Es bietet eine Hobbes-Interpretation hoher Originalität und eine pointierte Darstellung des gerade in der Politikwissenschaft vernachlässigten Spinoza, die Beachtung verdient.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.32 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Joachim Kreische: Konstruktivistische Politiktheorie bei Hobbes und Spinoza Baden-Baden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12561-konstruktivistische-politiktheorie-bei-hobbes-und-spinoza_15017, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15017 Rezension drucken
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