/ 11.06.2013
Gert Melville (Hrsg.)
Institutionalität und Symbolisierung. Verstetigungen kultureller Ordnungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart. Im Auftrag des Sonderforschungsbereichs 537
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2001; X, 678 S.; geb., 60,33 €; ISBN 3-412-03900-4Der Sammelband ist aus einer Tagung des Sonderforschungsbereichs "Institutionalität und Geschichtlichkeit" an der Technischen Universität Dresden hervorgegangen, der in interdisziplinärer Zusammenarbeit Fragestellungen behandelt, die sich auf Grundlagenprobleme kulturwissenschaftlicher Forschung beziehen. Institutionen werden als symbolische Ordnungen aufgefasst (3), die "kollektive Verbindlichkeiten auch mit Hilfe von symbolischen Ausdrucksformen und zeremoniellen Praktiken" sichern (53). Die B...
Gert Melville (Hrsg.)
Institutionalität und Symbolisierung. Verstetigungen kultureller Ordnungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart. Im Auftrag des Sonderforschungsbereichs 537
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2001; X, 678 S.; geb., 60,33 €; ISBN 3-412-03900-4Der Sammelband ist aus einer Tagung des Sonderforschungsbereichs "Institutionalität und Geschichtlichkeit" an der Technischen Universität Dresden hervorgegangen, der in interdisziplinärer Zusammenarbeit Fragestellungen behandelt, die sich auf Grundlagenprobleme kulturwissenschaftlicher Forschung beziehen. Institutionen werden als symbolische Ordnungen aufgefasst (3), die "kollektive Verbindlichkeiten auch mit Hilfe von symbolischen Ausdrucksformen und zeremoniellen Praktiken" sichern (53). Die Beiträge untersuchen, welche Rolle Symbole bei der Stabilisierung von Ordnungen, der Verkörperung ihrer "Dauer" und ihrer durchgesetzten Geltung spielen. Aber auch Abweichungen, Protest und anti-institutionelle Lebensentwürfe werden berücksichtigt (46). Dass die Untersuchungen auch Mittelalter und Antike einbeziehen, macht diesen Ansatz besonders interessant. Die politikwissenschaftlichen Beiträge befinden sich am Ende des Buches und befassen sich vor allem mit Verfassungen und Parlamenten und ihrer symbolischen Präsenz. Patzelt vergleicht die französische Nationalversammlung, den kanadischen Senat, die tschechoslowakische Nationenkammer und die Volkskammer der DDR. Die Voraussetzung einer gelungenen Repräsentation ist immer ihre Legitimität. Symbole können zum Gelingen der Repräsentation beitragen, Legitimität aber nicht ersetzen. Dazu gehört auch eine funktionierende öffentliche Meinung. Es ist kein Zufall, dass in der Tschechoslowakei und der DDR, die über keine Öffentlichkeit jenseits des Parteiwillens verfügten, die Parlamente auch instrumentell machtlos und politisch diskreditiert waren (634). In den westlichen Demokratien ist inzwischen gerade die Meinungsbildung zu einem großen Problem geworden. Gebhardt beobachtet eine zunehmende Zweidimensionalität der politischen Welt: "Die unmittelbar gegebene Welt des politischen Handelns, in der Handlungsfolgen durch Rückkopplung kontrolliert werden. Das ist die Welt der wenigen Akteure. Die Mehrheit lebt in der Welt der medial vermittelten Bilder. Diese symbolische Dimension integriert durch Mythen und Rituale die Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste und Wünsche der Massen, denen die Welt der Akteure verschlossen bleibt, in das gesellschaftliche Ganze." (586) Das könnte darauf hinweisen, dass das untrennbar zum Parlamentarismus gehörende Öffentlichkeitsprinzip, wie Oberreuter betont (662), trotz der Allgegenwart der Medien wieder durch das Arkanprinzip verdrängt wird. Die Dominanz des Fernsehens gehe auf Kosten der sprachlichen Kommunikation (663) und führe zu einem massiven Bedeutungsverlust der Debatte im Plenum, das damit als Symbol entleert werde (670). Da die zentrale These des Sonderforschungsbereichs lautet, dass Symbole nicht nur etwas zur Stabilität von Institutionen beitragen können, sondern "darüber hinaus konstitutiv sind für Institutionen" (95), müsste ihre "Entleerung" als Gefährdung der staatlichen Ordnung verstanden werden.
Inhalt: Einführung: Karl-Siegbert Rehberg: Weltrepräsentanz und Verkörperung: Institutionelle Analyse und Symboltheorien - Eine Einführung in systematischer Absicht (3-49). Grundlagenreflexionen: Jürgen Habermas: Symbolischer Ausdruck und rituelles Verhalten. Ein Rückblick auf Cassirer und Gehlen (53-67); Hans Ulrich Gumbrecht: Ten Brief Reflections on Institutions and Re/Presentation (69-75); Götz Pochat: Symboltheorien und Weisen der Welterzeugung (77-94); Michael Hoffmann: Was sind "Symbole", und wie läßt sich ihre Bedeutung erfassen? (95-117); Ulrich Baltzer: Symbole als zeichenhafte Konstitution institutionellen Handelns und institutioneller Dauer (119-135); Justus Lentsch: Zur Semantik institutioneller Symbolisierungen. "Dauer" als Symmetrie wechselseitiger pragmatischer Anerkennung (137-148); Hermann Deuser: Kategoriale Semiotik, Religion und die personale Symbolisierung im Christentum (149-164); Siegfried Wiedenhofer: Von der Grammatik religiöser Symbolsysteme zur Logik religiöser Traditionsprozesse (165-180). Altertum: Tonio Hölscher: Die Alten vor Augen. Politische Denkmäler und öffentliches Gedächtnis im republikanischen Rom (183-211); Andreas Haltenhoff: Institutionalisierte Geschichten. Wesen und Wirken des literarischen exemplum im alten Rom (213-217); Michael Stemmler: Institutionalisierte Geschichte. Zur Stabilisierungsleistung und Symbolizität historischer Beispiele in der Redekultur der römischen Republik (219-240); Uwe Walter: Die Botschaft des Mediums. Überlegungen zum Sinnpotential von Historiographie im Kontext der römischen Geschichtskultur zur Zeit der Republik (241-279); Ernst Dassmann: Gnosis: Weltanschauung oder Konkurrenzkirche? - Offene Fragen (281-290). Vormoderne: Peter von Moos: Krise und Kritik der Institutionalität. Die mittelalterliche Kirche als "Anstalt" und "Himmelreich auf Erden" (293-340); Guido Cariboni: Concezione ecclesiologica e ricerca sulle istituzioni medievali nella storiografia italiana degli ultimi decenni. Qualche osservazione a partire dalla lezione di Peter von Moos (341-346); Michael Rothmann: Zeichen und Wunder. Vom symbolischen Weltbild zur scientia naturalis (347-392); Helmut Feld: Die Zeichenhandlungen des Franziskus von Assisi (393-408); Florent Cygler: Zur institutionellen Symbolizität der dominikanischen Verfassung. Versuch einer Deutung (409-423); Jörg Oberste: bonus negotiator Christus - malus negotiator dyabolus. Kaufmann und Kommerz in der Bildersprache hochmittelalterlicher Prediger (425-449); Stephan Müller: Oswalds Rabe. Zur institutionellen Geschichte eines Heiligenattributs und Herrschaftszeichens (451-475); Annette Kehnel: Toren spil und Geltungsmacht. Die Geschichte der Symbole der Kärntner Herzogseinsetzung (477-491); Gerhard Schönrich: Ritter, Regeln, Rituale. Institutionalität als Zeichenprozeß (493-511); Jeannette Rauschert: Institutionalisierung neuer Formen der Wehrfähigkeit am Beispiel der Zürcher Schützengesellschaft im ausgehenden Mittelalter (513-524); Bernd Roeck: Die Wahrnehmung von Symbolen in der Frühen Neuzeit. Sensibilität und Alltag in der Vormoderne (525-539). Moderne: Manuela Vergoossen / Karl-Siegbert Rehberg: Nobilitierende Repräsentation und institutionelle Gleichheit. Historienbilder in Kunstvereinen des 19. Jahrhunderts als "Symbolisierungen" bürgerlicher Emanzipationsbestrebungen (543-558); Beat Wyss: Habsburgs Panorama. Zur Geschichte des kunsthistorischen Museums in Wien (559-567); Sebastian Kranich / Axel Wacker: Symbolische Kommunikation. Rote Kranzschleifen auf sächsischen Friedhöfen (569-584); Jürgen Gebhardt: Verfassung und Symbolizität (585-601); Werner J. Patzelt: Symbolizität und Stabilität. Vier Repräsentationsinstitutionen im Vergleich (603-637); Christoph Boyer: Zur spezifischen Symbolizität spättotalitärer Herrschaft (639-658); Heinrich Oberreuter: Institution und Inszenierung. Parlamente im Symbolgebrauch der Mediengesellschaft (659-670).
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.2
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Gert Melville (Hrsg.): Institutionalität und Symbolisierung. Köln/Weimar/Wien: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13021-institutionalitaet-und-symbolisierung_15601, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15601
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
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