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/ 11.06.2013
Hans Leyendecker / Michael Stiller / Heribert Prantl

Helmut Kohl, die Macht und das Geld

Göttingen: Steidl 2000; 608 S.; ISBN 3-88243-738-3
Jeder der drei politischen Redakteure der Süddeutschen Zeitung steuerte entsprechend seinem jeweiligen Arbeitsschwerpunkt der letzten Jahre einen Teil des Bandes bei. Schon seit Gründung der Bundesrepublik hängt für Leyendecker "der faulige Geruch der Korruption in der Luft" (50). Dementsprechend skizziert der frühere SPIEGEL-Journalist, illustriert durch zahlreiche Einzelbeispiele, parallel den Charakter und politischen Werdegang Helmut Kohls sowie das verdeckte Finanzierungssystem der CDU seit...
Hans Leyendecker / Michael Stiller / Heribert Prantl

Helmut Kohl, die Macht und das Geld

Göttingen: Steidl 2000; 608 S.; Ln., 48,- DM; ISBN 3-88243-738-3
Jeder der drei politischen Redakteure der Süddeutschen Zeitung steuerte entsprechend seinem jeweiligen Arbeitsschwerpunkt der letzten Jahre einen Teil des Bandes bei. Schon seit Gründung der Bundesrepublik hängt für Leyendecker "der faulige Geruch der Korruption in der Luft" (50). Dementsprechend skizziert der frühere SPIEGEL-Journalist, illustriert durch zahlreiche Einzelbeispiele, parallel den Charakter und politischen Werdegang Helmut Kohls sowie das verdeckte Finanzierungssystem der CDU seit Adenauer, um sich dann den Vorgängen um die Aufdeckung der CDU-Spendenaffäre von 1999/2000 zu widmen. Obwohl dabei nichts bislang Unveröffentlichtes zu erfahren ist, ergibt sich durch die Verdichtung der Materie und den spannenden, dokumentarischen Erzählstil ein eindrucksvolles, atmosphärisch dichtes Bild von den Abläufen unseres politischen Systems, in dem das Grundgesetz wie eine bloße Kulisse erscheint. Ähnliches gilt auch für Stillers Beitrag, der sich auf Bayern, insbesondere den "Straußschen Augiasstall" (416) und dessen Dunstkreis einschließlich des bizarren Provisionsjägers Karl-Heinz Schreiber konzentriert. Anders als bei Leyendecker, bei dem es wenigstens am Rande noch um Politik geht, zeichnen Stillers anekdotenhafte und gegen Ende etwas verwirrende Darstellungen das Bild einer üblen Gaunergesellschaft, deren abenteuerliche Charaktere und Aktivitäten wie eine bitterböse Satire auf die Ideen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der offenen Gesellschaft wirken. Prantl spekuliert und reflektiert zunächst im Feuilleton-Stil über die von seinen Mitarbeitern zuvor beschriebenen Aspekte der Person Kohl und der CDU, um dann seine bekannten Forderungen für Verfassung, Parteiengesetz und Strafrecht zu wiederholen. Für eine Verwendung als wissenschaftliche Quelle kommt der Band trotz seines großen Unterhaltungswerts und seiner insgesamt erhellenden Qualitäten kaum in Frage, da fast keine der Schilderungen und Aussagen dokumentiert und dadurch intersubjektiv überprüfbar wird. Neben einer spärlichen Auswahlbibliographie berufen sich die Journalisten immer wieder auf "Quellen" oder "Gewährsleute" beziehungsweise greifen ohne Erklärung auf eigene Erkenntnisse zurück, sodass wohl niemand außer den hier beschriebenen (noch lebenden) Personen der Zeitgeschichte selbst sagen kann, wo dem Leser Fakten vermittelt werden, und wo es sich um bloße Vermutungen oder Interpretationen der Autoren handelt. Inhaltsübersicht: Hans Leyendecker: Helmut Kohl, die CDU und die Spenden. Eine Fortsetzungsgeschichte (11-244); Michael Stiller: Strauß, Schreiber & Co. Das weißblaue Amigo-Syndrom (245-472); Heribert Prantl: Herrschaft und Barschaft. Von der Veralltäglichung des Ungesetzlichen. Ein Skandal und seine Folgen (473-595); Auswahlbibliographie.
Andreas Beckmann (AB)
M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.3312.35 Empfohlene Zitierweise: Andreas Beckmann, Rezension zu: Hans Leyendecker / Michael Stiller / Heribert Prantl: Helmut Kohl, die Macht und das Geld Göttingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12958-helmut-kohl-die-macht-und-das-geld_15530, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15530 Rezension drucken
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