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/ 12.06.2013
Klaus J. Bade

Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

München: C. H. Beck 2000 (Europa bauen); 510 S.; Ln., 30,12 €; ISBN 3-406-46720-2
Der an der Universität Osnabrück lehrende Zeitgeschichtler Bade hat mit dieser Studie eine sehr differenzierte, gleichwohl pointiert formulierte und auch für ein weiteres Lesepublikum sehr anregende Geschichte der Wanderungen in, aus und nach Europa vorgelegt. Zu deren Lesbarkeit tragen ebenso die vom Autor gewählte "Mischform von struktur- und epochenorientierter Gliederung" (15) wie die Verknüpfung von sozial-, wirtschafts-, kultur- und politikgeschichtlichen Aspekten bei. Zeitlich konzentrier...
Klaus J. Bade

Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

München: C. H. Beck 2000 (Europa bauen); 510 S.; Ln., 30,12 €; ISBN 3-406-46720-2
Der an der Universität Osnabrück lehrende Zeitgeschichtler Bade hat mit dieser Studie eine sehr differenzierte, gleichwohl pointiert formulierte und auch für ein weiteres Lesepublikum sehr anregende Geschichte der Wanderungen in, aus und nach Europa vorgelegt. Zu deren Lesbarkeit tragen ebenso die vom Autor gewählte "Mischform von struktur- und epochenorientierter Gliederung" (15) wie die Verknüpfung von sozial-, wirtschafts-, kultur- und politikgeschichtlichen Aspekten bei. Zeitlich konzentriert sich die Darstellung - abgesehen von einem einführenden Kapitel über die Wanderungsmuster im 18. Jahrhundert (17 ff.) - auf das 19. und 20. Jahrhundert, wobei sowohl die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg (306 ff.) als auch die aktuellen Probleme im Übergang zum 21. Jahrhundert (378 ff.) besondere Berücksichtigung finden. Im Hauptteil der Untersuchung werden damit die tiefgreifenden Änderungen in den die Migrationsprozesse bestimmenden Bedingungen erfasst, die von den relativ unbehinderten, primär von Unterschichten geprägten Massenwanderungen im 19. Jahrhundert bis zur gegenwärtig noch andauernden Epoche führten, "in der Wanderungsbewegungen im europäischen und atlantischen Raum in einem bis dahin nicht gekannten Maße durch politische Entwicklungen und staatliche Rahmenbedingungen ausgelöst beziehungsweise erzwungen und zugleich reglementiert und begrenzt werden" (15). Der Blickwinkel von Bade ist auch der eines kritischen Beobachters der in politischen Migrationsdiskursen verwendeten sozialen Konstruktionen. Das gilt zumal für das die vielfältigen Abwehrstrategien einer sich unter Wanderungsdruck sehenden "Festung Europa" behandelnde 5. Kapitel: "Solange das Pendant der Abwehr von Flüchtlingen aus der Dritten Welt, die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Ausgangsräumen, fehlt, bleibt diese Abwehr ein historischer Skandal, an dem künftige Generationen das Humanitätsverständnis Europas im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert bemessen werden" (452). Inhaltsübersicht: I. Wanderungen im Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft: 1. Wanderungstraditionen und Wanderungssysteme am Ende der Frühen Neuzeit; 2. Wirtschaftsentwicklung, Bevölkerungswachstum und städtische Zuwanderungsräume im Industrialisierungsprozeß. II. Wanderungen im Europa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: 1. Arbeitswanderungen und Unternehmerreisen; 2. Der Massenexodus in die Neue Welt; 3. Eurokoloniale Migration im 'Hochimperialismus'; 4. Nationalstaaten und internationale Migration vor dem Ersten Weltkrieg. III. Die Epoche der Weltkriege: Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit: 1. Der Erste Weltkrieg: Internationalisierung und nationale Ausgrenzung; 2. Die Zwischenkriegszeit: protektionistische Wanderungspolitik und Massenfluchtbewegungen; 3. Der Zweite Weltkrieg und das Nachkriegsjahrzehnt. IV. Wanderungen und Wanderungspolitik im Kalten Krieg: 1. Dekolonisation, koloniale und postkoloniale Migration; 2. Arbeitsmigration: 'Gastarbeiter' - Einwanderer - 'Illegale'; 3. Nationale Wohlfahrtsstaaten und transnationale Arbeitsmigration; 4. Asyl und Fluchtwanderungen. V. Der Einwanderungskontinent Europa am Ende des 20. Jahrhunderts: 1. Kulturvielfalt, 'Wanderungsdruck' und 'Festung Europa'; 2. Minderheiten aus Ost- und Südosteuropa: Aussiedler, Juden, Roma; 3. Flüchtlinge und Vertriebene aus Ost- und Südosteuropa: Jugoslawien, Albanien, Kosovo; 4. Interkontinentale Süd-Nord-Wanderungen: Zuwanderungen aus der 'Dritten Welt'.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.422.262.612.62 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Klaus J. Bade: Europa in Bewegung. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14083-europa-in-bewegung_16872, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16872 Rezension drucken
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