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/ 31.05.2013
Ulrike Marie Meinhof

Deutschland Deutschland unter anderm. Aufsätze und Polemiken

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 1995; 159 S.; ISBN 3-8031-2253-8
In dreißig Essays wird deutlich, daß Meinhof, eine der prominentesten deutschen TerroristInnen und Synonym - zusammen mit Baader und Ensslin - für den Kopf der RAF, vor allem auch eine scharfsinnige und kritische Journalistin ihrer Zeit war. Sie setzte sich mit dem Schah-Besuch, dem Vietnam-Krieg, der Notstandsgesetzgebung und weiteren politischen und gesellschaftlichen Problemen bedingungslos auseinander und verglich politisch-parlamentarische Lösungen sowie vorherrschende gesellschaftliche Hal...
Ulrike Marie Meinhof

Deutschland Deutschland unter anderm. Aufsätze und Polemiken

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 1995; 159 S.; 19,80 DM; ISBN 3-8031-2253-8
In dreißig Essays wird deutlich, daß Meinhof, eine der prominentesten deutschen TerroristInnen und Synonym - zusammen mit Baader und Ensslin - für den Kopf der RAF, vor allem auch eine scharfsinnige und kritische Journalistin ihrer Zeit war. Sie setzte sich mit dem Schah-Besuch, dem Vietnam-Krieg, der Notstandsgesetzgebung und weiteren politischen und gesellschaftlichen Problemen bedingungslos auseinander und verglich politisch-parlamentarische Lösungen sowie vorherrschende gesellschaftliche Haltungen mit den Idealen der noch jungen Bundesrepublik. Meinhof war kompromißlos in ihrer Analyse und schwamm dabei nicht selten gegen den Strom: In einer Zeit, als sich die bundesrepublikanische Öffentlichkeit vom Glanz und Prunk des Schahs und seiner Frau beeindrucken ließ, schrieb Ulrike Meinhof über die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen sein Volk oder zumindest große Teile der "einfachen Leute" Persiens leben mußten (116-121) sowie über Folter und Foltermethoden in Persien (120 f.). Aber auch von der Allgemeinheit kaum beachtete bzw. gar nicht wahrgenommene Alltagsbanalitäten hinterfragte und kritisierte sie. Am Beispiel des iranischen Regimekritikers Nirumand und seiner deutschen Familie zeigte Meinhof, daß die 1967 erwogene Ausweisung in zweifacher Hinsicht aufschlußreich sei: Meinhof interpretiert sie als politische Geste der Solidarität gegenüber dem Schah-Regime, fragt aber zugleich, warum das Auseinanderreißen dieser Familie oder ein Schicksal als Flüchtlingsfamilie politisch uninteressant und irrelevant ist. Ihre Schlußfolgerung lautet, Frauen (und Kinder) besaßen in den sechziger Jahren in Deutschland politisch keine Bedeutung, Frauen seien für die Erziehung der Kinder nach den Maßstäben der Leistungs- und Konsumgesellschaft zuständig, für die Gesellschaft - nicht für ihre Kinder - in dieser Funktion als Arbeiterinnen und darüber hinaus auch als Konsumentinnen austauschbar (147). Diese Essaysammlung macht deutlich, daß sich die (autoritären) Verhältnisse von damals partiell, aber nicht grundlegend geändert haben.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.3 Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Ulrike Marie Meinhof: Deutschland Deutschland unter anderm. Berlin: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/585-deutschland-deutschland-unter-anderm_390, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 390 Rezension drucken
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