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/ 11.06.2013
Werner van Gent

Der Geruch des Grauens. Die humanitären Kriege in Kurdistan und im Kosovo

Zürich: Rotpunktverlag 2000; 219 S.; ISBN 3-85869-194-1
Als im Frühjahr 1988 der irakische Diktator Hussein mit dem Senfgasangriff gegen die nordirakische Kleinstadt Halabja zum ersten Mal in der Geschichte chemische Waffen direkt gegen die Zivilbevölkerung einsetzte, galt zwar bereits jahrzehntelang das Recht auf Leben als das höchste aller universellen Menschenrechte, doch der internationale Aufschrei angesichts der Tat und der zahlreichen Opfer blieb ausgesprochen schwach. Nur wenige Jahre später scheinen Schwierigkeiten, "die universellen Mensche...
Werner van Gent

Der Geruch des Grauens. Die humanitären Kriege in Kurdistan und im Kosovo

Zürich: Rotpunktverlag 2000; 219 S.; brosch., 36,- DM; ISBN 3-85869-194-1
Als im Frühjahr 1988 der irakische Diktator Hussein mit dem Senfgasangriff gegen die nordirakische Kleinstadt Halabja zum ersten Mal in der Geschichte chemische Waffen direkt gegen die Zivilbevölkerung einsetzte, galt zwar bereits jahrzehntelang das Recht auf Leben als das höchste aller universellen Menschenrechte, doch der internationale Aufschrei angesichts der Tat und der zahlreichen Opfer blieb ausgesprochen schwach. Nur wenige Jahre später scheinen Schwierigkeiten, "die universellen Menschenrechte und das geostrategische Kalkül auseinanderzuhalten", noch immer nicht beseitigt (24). Vor dem Hintergrund des strategischen Kräftegleichgewichts der Region wird die Zurückhaltung der von den USA geführten Allianz verständlich, im zweiten Golfkrieg das Regime Hussein restlos zu zerschlagen. Die von Präsident Bush zum Aufstand aufgerufenen Kurden standen nach der irakischen Gegenoffensive plötzlich mit dem Rücken zur Wand, mehr als eine Million kurdischer Flüchtlinge endeten in Kälte, Nässe und Dreck des irakisch-türkischen Grenzgebirges. Auch im Kosovo-Konflikt hat der Autor, der seit Jahren für schweizerische und deutsche Medien die Entwicklungen in beiden Regionen aus nächster Nähe verfolgt hat, das Massenelend von Bürgerkriegsflüchtlingen beobachten und berichten können. Angesichts dieser Erfahrungen möchte er einen Beitrag zur kritischen Diskussion der neuen Weltordnung, die auf dem Fundament humanitärer Werte basiert, leisten. Das von ihm identifizierte Muster der neuen Ordnung, "wegschauen, ein panikartiger und darum halbherziger Einsatz politischer Mittel und dann der Bombenkrieg", wird am Beispiel des Nordiraks und des Kosovo mit zahlreichen Detailkenntnissen untermauert. In 13 kurzen, chronologisch abwechselnd geordneten Kapiteln steht dabei die bildhafte Darstellung der Realitäten des derzeitigen internationalen Krisenmanagements im Mittelpunkt. Die Lektüre ist lesenswert, vor allem auch, da die in der Diskussion oft dominierende lamentierende, polemisierende oder theoretisierende Darstellungsweise vermieden wird. Damit gelingt der bisher äußerst seltene Versuch, in die umfangreiche Debatte des Für und Wider so genannter humanitärer Interventionen den Blick auf die eigentlich Betroffenen einzubringen. Leider entwirft der Autor vor dem Hintergrund seiner profunden und berechtigten Kritik keinen überzeugenden eigenen Ansatz der Lösung von ihm aufgeworfener Probleme. So akzeptiert van Gent die Abschreckungsfunktion militärischer Gewalt, lehnt die, mit einer funktionierenden Abschreckung notwendigerweise verbundene Möglichkeit der Anwendung, aber ab. Andererseits nennt er das Beispiel von Srebrenica, überzeugt davon, dass eine gut geplante und durchgeführte Militäroperation den Mord an Tausenden von Zivilisten hätte verhindern können. Anzufügen ist, dass mit dieser journalistischen Beschreibung der lokalen Realitäten globaler Weltordnungspolitik auch eine kritische Analyse der Rolle der Medien aus der Sichtweise eines vor Ort tätigen Berichterstatters geleistet wird, die mit zahlreichen Hintergrundinformationen überzeugt.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 4.412.252.622.634.3 Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Werner van Gent: Der Geruch des Grauens. Zürich: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12274-der-geruch-des-grauens_14660, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14660 Rezension drucken
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