Skip to main content
/ 11.06.2013
Michela Betta

Brauchen wir Menschenrechte? Essay

Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2000; 120 S.; ISBN 3-89741-034-6
„Das Völkerrecht ist unter vielen Gesichtspunkten eine Fata Morgana, die die Illusion vermittelt, alles regeln zu können. [...] Es ist das Schicksal des Völkerrechts, im Augenblick seiner Übertretung, also erst dann, wenn es zu spät ist, einen Sinn zu bekommen.“ (10 f.) Diese Diagnose nimmt die Autorin zum Ausgangspunkt einer mehrstufigen Dekonstruktion der Menschenrechte. Zunächst untersucht sie die in der Französischen Revolution formulierte Menschenrechtstrias von Gleichheit, Frei...
Michela Betta

Brauchen wir Menschenrechte? Essay

Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2000; 120 S.; pb., 29,90 DM; ISBN 3-89741-034-6
„Das Völkerrecht ist unter vielen Gesichtspunkten eine Fata Morgana, die die Illusion vermittelt, alles regeln zu können. [...] Es ist das Schicksal des Völkerrechts, im Augenblick seiner Übertretung, also erst dann, wenn es zu spät ist, einen Sinn zu bekommen.“ (10 f.) Diese Diagnose nimmt die Autorin zum Ausgangspunkt einer mehrstufigen Dekonstruktion der Menschenrechte. Zunächst untersucht sie die in der Französischen Revolution formulierte Menschenrechtstrias von Gleichheit, Freiheit und Bürgerlichkeit. Mit Rekurs auf die tocquevillesche Warnung vor den repressiven Eigenschaften demokratischer Gleichheit und die foucaultsche Kritik des Freiheitsbegriffs will die Autorin den ideologischen Gehalt des Menschenrechtsbegriff bereits in seinen Grundprinzipien aufdecken. Sie meint zeigen zu können, dass gerade Menschenrechte die Begründungen für Kriege lieferten, deren eigentlicher Sinn nicht in der humanistischen Befriedung liege. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu der These, (Völker-)Recht – und damit auch Menschenrechte – seien bloßes Mittel staatlicher Herrschaft qua sublimierter Gewaltanwendung. Der Unterschied zwischen rechtsstaatlich verfassten und autoritären Regimen ebnet sich dabei nahezu ein: „der politische Unterschied zwischen Staaten, die sich den Menschenrechten zurechnen, und denen, die sie negieren, besteht darin, dass die ersten potentiell das werden können, was die zweiten bereits sind. Es ist ein mentaler oder gradueller Unterschied.“ (57, Hervorhebung FW) Der Ausweg kann der Autorin zufolge nur in einem fundamentalen Paradigmenwechsel weg von der über das Medium Recht organisierten Politik hin zu einer dem Menschen gemäßen Machtausübung liegen. Dem demokratischen Modell, das immer einher ginge mit der „Reduzierung von Intelligenz, Ästhetik und Willen“ (106) kontrastiert sie ein System der „Erothik“: „Dieser Begriff geht aus einer Synthese zwischen Erotik und Ethik hervor.“ (107) Anstelle der der Politik korrespondierenden Sexualität, die „für das Vergängliche, für das Ersetzbare, für das Wiederholbare“ (108) stehe, müsse Erotik, d. h. „die Dimension der Vervielfältigung von Energie produzierenden Punkten“ (108) zum Leitprinzip werden. Prophetisch schließt der Essay: „Wir befinden uns an der Schwelle zu einer neuen Zeit, und die anstehende Transformation von Inhalten und Sein ist zu wichtig, um sie der Politik zu überlassen. Schließlich wollen wir nicht einfach so weiterleben, sondern eine erothische und machtvolle Existenz führen.“ (117 f.)
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.234.425.425.41 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Michela Betta: Brauchen wir Menschenrechte? Königstein/Ts.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12678-brauchen-wir-menschenrechte_15156, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 15156 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA