/ 11.06.2013
Jeremy Rifkin
Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Tatjana Eggeling
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000; 424 S.; 2. Aufl.; ISBN 3-593-36541-3Der Kapitalismus droht die Grundlagen seines Erfolges zu vernichten: Das grenzenlose Streben nach Verfügungsgewalt und die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft, die sich insbesondere in der Kommerzialisierung der Kultur zeigt, zehren am "sozialen Kapital" (330), das für das Funktionieren der Marktwirtschaft unabdingbar ist. Dieser Befund findet sich in ähnlicher Form auch bei verschiedenen anderen Kritikern des Kapitalismus und der Globalisierung. Doch die Besonderheiten bei Rifkin si...
Jeremy Rifkin
Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Tatjana Eggeling
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000; 424 S.; 2. Aufl.; geb., 49,80 DM; ISBN 3-593-36541-3Der Kapitalismus droht die Grundlagen seines Erfolges zu vernichten: Das grenzenlose Streben nach Verfügungsgewalt und die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft, die sich insbesondere in der Kommerzialisierung der Kultur zeigt, zehren am "sozialen Kapital" (330), das für das Funktionieren der Marktwirtschaft unabdingbar ist. Dieser Befund findet sich in ähnlicher Form auch bei verschiedenen anderen Kritikern des Kapitalismus und der Globalisierung. Doch die Besonderheiten bei Rifkin sind seine (zumeist) präzisen Beobachtungen, seine pointierenden Analysen und seine prägnanten Thesen zu den Gründen der aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Mit seinem Buch knüpft der Vorsitzende der "Foundation of Economic Trends", der an der Wharton School lehrt und als Berater der amerikanischen Regierung tätig ist, an den Thesen seines Bestsellers "Das Ende der Arbeit" (1995) an.
Diese Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Übertragung von Eigentum auf Märkten - die die eigentliche Grundlage des Kapitalismus bildet (110) - zunehmend abgelöst wird durch die Kooperation in Netzwerken. Die Netzwerke erlauben eine erhebliche Steigerung der Flexibilität und sie ermöglichen einen wesentlich umfassenderen Zugriff auf die entscheidende Ressource unserer Zeit: das Denken als dem Vermögen, neue Ideen und Konzepte zu kreieren (75). Dieser Zugriff erfolgt nicht durch Eigentumserwerb, sondern durch die Sicherung des Zugangs. Das gilt nicht nur für Humankapital, sondern zunehmend auch für Sachkapital: Wo früher ein bestimmter Bestand an Kapazitäten angestrebt wurde, geht es heute darum, den Zugang zu den benötigten Kapazitäten zu gewährleisten (58).
Doch warum stellt die Ablösung des Strebens nach Eigentum durch das Streben nach Zugang (10) ein Problem dar? Geht es aus ökonomischer Sicht nicht allein um den Tausch von jeweils unterschiedlich definierten Verfügungsrechten? Ist da nicht höchstens aus wettbewerbspolitischer Sicht der so genannte "Netzwerkeffekt" (128) zu berücksichtigen? Nach Rifkin hat diese Entwicklung eine wesentlich tiefere politische und philosophische Bedeutung. Hinter dem "Verschwinden des Eigentums" steht, dass die freie Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen wichtiger wird als die individuelle Verantwortung, die mit Eigentum verbunden ist: "Zum Eigentum gehört ein tiefes Gefühl der Verpflichtung, das es in einer Kultur des Leasens und Borgens nicht geben kann. Wer ein eigenes Heim besitzt, wird vielmehr damit beschäftigt sein, es zu pflegen und zu unterhalten, als jemand, der es nur mietet. Sich um eigene Werte zu kümmern [...] ist in der Eigentumsgesellschaft genauso wichtig, wie die Sorge für das eigene Leben. Darum sehen wir psychologisch im Eigentum eine Erweiterung unseres Selbst." (175) Eigentum ist in diesem Verständnis Ausdruck unserer persönlichen Freiheit, Mittel zur Verwirklichung der Autonomie des Subjekts (176).
Wenn dies so ist, fragt es sich, wie dann ein Rückgang seiner Bedeutung möglich ist. Rifkins These: In der Postmoderne wurde die "Idee der individuellen Autonomie [...] von der neuen Idee zahlreicher Beziehungen" (281) abgelöst. Da das Selbst nicht mehr als Einheit verstanden wird, hängt die Existenz des Menschen in der Welt davon ab, Zugang zu anderen zu bekommen (290 f.): Im ewigen Fluss der Beziehungen definiert sich der Mensch durch den jeweiligen momentanen Bezug zu den anderen. - Dieser Beschreibung des "postmodernen Lebensgefühls" wird man in vielem zustimmen können: Doch die Kritik des Strebens nach "freier Verfügbarkeit" aus der Sicht der "Eigentumsgesellschaft" (s. o.) erstaunt, war doch bereits das Streben nach Eigentum immer ein Streben nach Möglichkeiten und Verfügungsgewalt: Der "amator potentiae" war im Kapitalismus immer schon am Werk; nur findet er jetzt die Gelegenheit, sich durch das Konzept des Zugangs von den lästigen Verpflichtungen, die mit Eigentum verbunden sind, zu befreien.
In der Analyse des Kapitalismus verhalten sich Postmoderne und Neoliberalismus nach Rifkin komplementär zueinander: Während Letzterer die theoretische Untermauerung für die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft liefert, entwickelt die Postmoderne das dazugehörige Selbstverständnis eines völlig im Moment und im jeweiligen Genuss aufgehenden Menschen, der jeden Anspruch auf politische Wirksamkeit aufgegeben hat (siehe 272 f.). Auf dieser Grundlage ist ein Zusammenhalt der Gesellschaft jedoch auf Dauer nicht möglich; es muss Abhilfe geschaffen werden durch eine Repolitisierung der Kultur im "Kampf" gegen die "Kräfte[...] des globalen Handels" (345) und durch eine Stärkung der "zivilen Erziehung" (civil education [341 f.]) in den Schulen. Dabei gilt es, einen Pluralismus zu verwirklichen, der auf der gegenseitigen Achtung und Anerkennung der Kulturen beruht und in dem die Menschen in Freiheit ihre inneren Werte verwirklichen können. Dieser Pluralismus muss das Prinzip des exklusiven Zugangs zurückdrängen und neue öffentliche Räume schaffen, in denen jedem Bürger die freie Teilnahme (als Gegenkonzept zu dem des Zugangs) möglich ist.
Obwohl Rifkin ausführlich auf das moderne und postmoderne Selbstverständnis des Menschen eingeht, wird dasjenige des pluralistischen Menschen nicht näher behandelt: Die Voraussetzungen eines solchen Pluralismus der Kulturen und damit auch der Weg dorthin bleiben im Dunkeln. Das ist umso problematischer, als Rifkins Auseinandersetzung mit der Postmoderne deutlich zeigt, dass ein Pluralismus, der keinen Einheitspunkt mehr kennt und keine Hierarchien, keine Strukturierungen mehr zulässt (261, 282), Gesellschaft und Politik zerstört. Vielleicht ist die Postmoderne nur die Konsequenz aus dem fehlenden Einheitspunkt der Moderne - dann wäre die Rückkehr zu den Konzepten der Moderne keine Lösung. - Das Ende bleibt somit offen. Doch trotzdem - und trotz der zum Teil redundanten Argumentation - handelt es sich bei dem Buch um einen äußerst anregenden Versuch, die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung zu begreifen; ein Versuch, der unbedingt zur Diskussion und zum Weiterdenken herausfordert.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.2
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Jeremy Rifkin: Access. Frankfurt a. M./New York: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12601-access_15066, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15066
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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