/ 12.06.2013
Friedrich Schorlemmer
Absturz in die Freiheit. Was uns die Demokratie abverlangt
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2000; 265 S.; 8,64 €; ISBN 3-7466-7029-2Der mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Theologe Schorlemmer, der zu den Mitbegründern der DDR-Oppositionsbewegung gehört, zieht eine Bilanz der Deutschen Wiedervereinigung. Er konstatiert bei weiten Teilen der ostdeutschen Bevölkerung eine ambivalente Einstellung zur Freiheit: Zwar habe sie unter der Diktatur des SED-Regimes ein romantisches Verhältnis zur Freiheit entwickelt, bald nach ...
Friedrich Schorlemmer
Absturz in die Freiheit. Was uns die Demokratie abverlangt
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2000; 265 S.; 8,64 €; ISBN 3-7466-7029-2Der mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Theologe Schorlemmer, der zu den Mitbegründern der DDR-Oppositionsbewegung gehört, zieht eine Bilanz der Deutschen Wiedervereinigung. Er konstatiert bei weiten Teilen der ostdeutschen Bevölkerung eine ambivalente Einstellung zur Freiheit: Zwar habe sie unter der Diktatur des SED-Regimes ein romantisches Verhältnis zur Freiheit entwickelt, bald nach der "Wende" aber "merkten die in die Freiheit entlassenen Ostdeutschen [...], daß die individuelle Freiheit zur individualisierten mutiert und Vereinzelung und Vereinsamung folgen" (13). Aus dem Schoß des fürsorgenden Staates entlassen und in das kalte Wasser des harten sozialen Wettkampfes geworfen, haben sie keine wirkliche Identifikation mit dem vereinten, freien Deutschland herausbilden können. Doch Schorlemmer kritisiert nicht nur das am Paternalismus orientierte Verhalten eines Großteils der Ostdeutschen. Auch den Bürgern der alten Bundesländer wirft er vor, sich in den bequemen Sessel der Zuschauerdemokratie zurückgezogen zu haben. Diese konsumorientierte Haltung trage Schuld an Ausländerfeindlichkeit sowie Politikverdrossenheit. Zuweilen sind Schorlemmers der Sache nach wenig originelle Bemerkungen wegen seines polemischen, manchmal auch zynischen Stils unterhaltsam. An anderen Stellen jedoch gleitet der "kritische Theologe" ab ins Moralisieren und Predigen. Nicht ganz unbescheiden spricht er im dritten Kapitel "Krieg als menschliches Schicksal?" davon, dass seine "Reflexionen zu Beginn des 21. Jahrhunderts versuchen, die Brücke zu schlagen zwischen Individuellem und Politischem, zwischen Theologischem und Anthropologischem, Deskriptivem und Prästriktivem [sic!], Hoffnungstraum und Realitätserschütterung. [...] Manches von dem, was ich benennen muß, ist nicht frei von Bitterkeit, wohl wissend, wie wenig Bitterkeit weiterhilft." (113). Wer mehr als eine politische Sonntagspredigt von Schorlemmers Buch erwartet, wird enttäuscht sein.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Friedrich Schorlemmer: Absturz in die Freiheit. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13175-absturz-in-die-freiheit_15786, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15786
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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