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Rezension

Die Aktivistinnen der Hamās
Zur Rolle der Frauen in einer islamistischen Bewegung

Die Hinwendung von Frauen zur islamistischen Ideologie erscheint nicht unbedingt nachvollziehbar, stellt sie aufgrund von deren Frauenfeindlichkeit doch einen Widerspruch dar. Während die Spezifika weiblicher Radikalisierung sowie die Rolle von Frauen innerhalb rechtsextremer Gruppierungen in der Rechtsextremismusforschung bereits seit vielen Jahren erörtert werden, liegen zu Frauen im Islamismus verhältnismäßig wenige Publikationen vor. Erst allmählich werden hier Lücken geschlossen, meist bezogen auf den Islamischen Staat und den relativ hohen Anteil von Mädchen und Frauen, die zu seinen Anhängern zählen.

Welche Rolle spielen Frauen in bereits länger existierenden extremistischen Organisationen wie der Hamās, und was motiviert sie zu ihrem Engagement? Wo und in welcher Form sind Frauen bei der Hamās aktiv? Welchen Beitrag leisten sie zum Erfolg der Organisation? Britt Ziolkowski hat eine weitgehende Forschungslücke ausgemacht und, um diese zu schließen, Interviews mit rund dreißig Aktivistinnen der Hamās geführt.

Frauen sind, so zeigt sich, überall in der Hamās aktiv, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit unterschiedlicher Wirksamkeit hinsichtlich der ihnen zugedachten Aufgaben. Besonders einflussreich sind sie demnach in den Bereichen, die zum islamistischen Frauenbild passen, also etwa in der islamistischen Erziehung und der Sozialarbeit, teilweise auch in der Propaganda- und Öffentlichkeitsarbeit.

Die Interviewten sehen in ihrem Aktivismus insbesondere die Chance, ihre Gesellschaft positiv zu beeinflussen. Die geäußerten Legitimationsmuster entstammen dabei der üblichen islamistischen Ideologie, derzufolge nur im wahren Islam Frau und Mann gegenüber Gott gleichberechtigt seien – allerdings mit jeweils unterschiedlichen Rechten und Pflichten ausgestattet. Dass also beispielsweise Frauen ihren Gatten jederzeit für Geschlechtsverkehr zur Verfügung zu stehen hätten, wird von diesen Frauen entsprechend bejaht.

Ziolkowski ist erkennbar um eine gebotene wissenschaftliche Distanz bemüht. Dies gilt sowohl für die Gefahr, Hamās-Agitation im Rahmen der Interviews mit subjektiven Meinungsäußerungen zu verwechseln, als auch für die eher unbewusste Übernahme von Frames oder Sichtweisen im Rahmen des längeren Studienaufenthaltes. Manche Formulierungen geben indes Anlass zu der Annahme, dass sie diese Distanz nicht immer einhalten konnte: „Von Israel und einem Großteil der internationalen Gemeinschaft als Terrororganisation eingestuft, sind die Frauen und Männer der Hamās starken Vorurteilen ausgesetzt“ (21).

Ähnliches gilt für Euphemismen wie „Nahkampf“ für Terrorangriffe, die mit Messern oder bloßen Händen ausgeführt werden. Und wenn Ziolkowski kritisiert, dass die karitative Arbeit der Hamās weniger Aufmerksamkeit erhält als die medial effektiveren Terrorakte, dann scheint sie nicht nur zu übersehen, dass beide Handlungen von grundsätzlich unterschiedlicher Wirkung sind, sondern auch, dass das soziale Engagement der Hamās nicht altruistische, sondern strategische Gründe hat. Als Ableger der radikalen Muslimbruderschaft setzt die Hamās auf die bewährte, bereits auf Hassan al-Bannā zurückgehende Mischung aus Gewalt und Sozialarbeit, um Sympathien zu erlangen.

Fraglich erscheint auch, inwiefern die zum Teil feministische Perspektive auf die Äußerungen der Hamās-Frauen tatsächlich erkenntnisfördernd ist, also ob nun etwa der Terror der Hamās tatsächlich „männlich“ sei oder dies nur einem Stereotyp entspreche, weil es ja schließlich auch ein paar Frauen gebe, die als Attentäterinnen Israelis ermordeten. Die Gesprächspartnerinnen äußern zudem ein wenig überraschendes, bestenfalls als traditionell zu bezeichnendes Frauenbild, zu dem feministische Schablonen nicht zu passen scheinen. An dieser Stelle drängen sich eher Parallelen zur Rolle der Frau in der NS-Ideologie auf. Überdies wäre es etwas bemüht, das Handeln der Hamās-Frauen emanzipatorisch auszudeuten und diesem eine Form der Selbstbestimmtheit beizumessen. Aus den Interviews lässt sich jedenfalls auch das Gegenteil herauslesen, nämlich die Instrumentalisierung weiblicher Aktivistinnen auf der Basis islamistisch-patriarchaler Indoktrination.

Das führt zu der Frage, welchen Sinn Befragungen von Radikalisierten an sich haben. Im Kontext nicht-radikaler Gesellschaften handelt es sich bei diesen um Abweichler, deren Wege in den Extremismus nachvollzogen werden sollen, um Präventionsansätze und Deradikalisierungsangebote zu konzipieren. In den Palästinenser-Gebieten hingegen sind die Zustände ungleich traumatischer und ideologisch aufgeladener. Die Vorstellungen der Hamās-Aktivistinnen ähneln denn auch weitgehend den Äußerungen männlicher Jihadisten. Mitunter geäußerte Kritik an patriarchalen Strukturen der palästinensischen Gesellschaft wird selbstverständlich auf ein falsches Verständnis des wahren Islams zurückgeführt. Dennoch: Der Erkenntniswert dieser Arbeit liegt in dem seltenen und authentischen Zugang zum Leben und Handeln von Hamās-Aktivistinnen. 

Verfasst von:

Dirk Burmester

Erschienen am:

18. April 2017

Britt Ziolkowski

Die Aktivistinnen der Hamās. Zur Rolle der Frauen in einer islamistischen Bewegung

Berlin, Klaus Schwarz Verlag 2017 (Studien zum Modernen Orient 29)

Aus der Annotierten Bibliografie


Sineb El Masrar

Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden

Freiburg i. Br./Basel/Wien: Herder 2016; 315 S.; geb., 20,- €; ISBN 978-3-451-34276-9
Sineb El Masrar, die in Deutschland als Tochter zweier Muslime aus Marokko zur Welt gekommen ist, prangert mit diesem Buch die Geschlechtertrennung und Rollenzuweisung im Islam an. Sie verweist dabei auf das weiblich‑islamische Erbe. Dieses sei nach dem Tod des Propheten Mohammed missachtet und von einem Konzept der männlichen Dominanz überlagert worden. Die muslimischen Männer hätten die Deutungshoheit über die islamischen Quellen und den Koran erlangt. Um die eigenen Vorteile und Privilegien in der Gesellschaft zu sichern ...weiterlesen

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