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Die vier Szenarien des Donald Trump
Strategische Konsequenzen der US-Präsidentschaftswahl

trump 1915253 1280Der überraschende Ausgang der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen vom 8. November 2016 beschäftigt Kommentatoren in der ganzen Welt. Die zentrale Frage ist dabei, welche seiner Ankündigungen aus dem Wahlkampf der gewählte Präsident Donald Trump tatsächlich umsetzen wird (beziehungsweise kann) und welche strategischen Konsequenzen das haben wird. Im Folgenden sind die Aussagen einiger ausgesuchter Thinktanks und wissenschaftlicher Experten aufgeführt. Sie vermitteln einen guten Überblick über die vielfältigen Prognosen und Einschätzungen. Die Übersicht beginnt mit einer Beurteilung des Charakters der Präsidentschaft, anschließend geht es um zentrale außenpolitische Fragen.

Die Präsidentschaft

Mit Donald Trump wird eine Person zum US-amerikanischen Präsidenten, für die es in der jüngeren Geschichte keine Parallele gibt. Von daher ist es schwer, die wesentlichen Strukturen seiner Präsidentschaft vorherzusagen. Darrell M. West von der renommierten Brookings Institution stellt keine direkte Prognose, geht aber davon aus, dass sich Trumps Präsidentschaft im Rahmen von vier überschaubaren Szenarien bewegen dürfte.

• Das erste Szenario nennt er „traditionelle republikanische Präsidentschaft“: Trump arrangiert sich nach und nach mit der Republikanischen Partei und übernimmt nach vielen Anfangsproblemen und Dissonanzen mehr oder weniger deren traditionelle Agenda. Ähnlich wie Präsident Ronald Reagan widmet er sich vornehmlich der öffentlichen Debatte. Die tatsächliche Regierungsarbeit wird im Zusammenspiel zwischen Vizepräsident Mike Pence, dem Sprecher des Repräsentantenhaus Paul Ryan und Reince Priebus, dem Stabschef des Weißen Hauses, erfolgen. Die Republikanische Partei wird die Mehrheiten in beiden Häusern zum Durchregieren nutzen. Im Ergebnis wird ihre Agenda (weniger Staat, mehr für Verteidigung, weniger Bedeutung der Bürgerrechte und Rechte von Minderheiten) umgesetzt.
• Das zweite Szenario ist das des „populären Außenseiters“ (popular rogue): Der Konflikt zwischen Trump und den Republikanern über Differenzen in vielen Politikbereichen bleibt bestehen. Präsident Trump wird sich vor allem als Anwalt der kleinen Leute profilieren und Versuche seiner Partei untergraben, die Ausgaben des Bundes zu kürzen oder die staatliche Krankenversicherung abzuschaffen. Dieser Konflikt bleibt eine Konstante während der gesamten Amtszeit Trumps – je erfolgreicher der Präsident mit seinem Vorgehen ist, umso stärker wird die Republikanische Partei ihre Positionen revidieren.
• Das dritte Szenario ist das einer „fehlschlagenden Präsidentschaft“ (failed president): Trump kann seine Wahlversprechungen nicht umsetzen, der Frust seiner Wählerschaft trifft ihn. Zudem ist zu erwarten, dass er wegen sexueller Eskapaden und der Vermengung von Regierungsarbeit mit seinen Geschäftsinteressen (oder denen seiner Familie oder seiner Freunde) ins Kreuzfeuer der Kritik gerät und bestenfalls eine volle Legislaturperiode ableistet (wenn überhaupt).
• Das vierte Szenario ist das des autoritären Führers (authoritarian leader): Präsident Trump sieht sich angesichts vielfältiger und massiver Proteste gegen seine Person und seine Politik veranlasst, die Mittel des Staates zu nutzen, um politische Gegner zu verfolgen. Das kann in Form von Ermittlungen des FBI oder einzelner Staatsanwaltschaften gegen demokratische Politiker und Politikerinnen auf Druck des Weißen Hauses erfolgen oder aber durch die Inszenierung von Schmierenkampagnen gegen Opponenten. Auch kann die Steuerfahndung missbraucht werden, um missliebige politische Gegner und Gegnerinnen kaltzustellen. In diesem Szenario verändert sich die Demokratie der USA und wird Ähnlichkeiten mit der Ära McCarthy aufweisen.

Kontinuität oder revolutionärer Wandel in der Außenpolitik

Die oben aufgeführten Szenarien setzen die während des Wahlkampfs entstandenen Konfliktlinien in der Innenpolitik fort. Die sehr viel wichtigere Frage ist, welche seiner internationalen Wahlkampfaussagen wird Trump als Präsident umsetzen? Wo wird er Kontinuität wahren? Hierzu gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. An dem einen Ende steht Thomas Wright (ebenfalls Brookings Institution), der ihm bescheinigt, dass dieser politische Einstellungen und Vorstellungen in das Amt einbringe, die seit den 1940er-Jahren kein Präsident geteilt habe, und der davon ausgeht, dass die Umsetzung auch nur von Teilen seiner Agenda zum Kollaps der internationalen Ordnung mit absehbar katastrophalen Konsequenzen führen wird. Am anderen Ende steht der stellvertretende Direktor des Pariser Thinktanks Fondation pour la recherche stratégique, Bruno Tertrais. Er nimmt an, dass sich Präsident Trump vornehmlich mit traditionell orientierten Vertretern des republikanischen Establishments umgibt und es mehr Kontinuität denn Wandel geben wird. Auch Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies (CSIS), der ansonsten keine positive Einstellung zu den außenpolitischen Vorstellungen Trumps erkennen lässt, weist in einem Kommentar darauf hin, dass es einen politischen Kalender gibt, an den zu halten auch der neue US-Präsident gezwungen ist und der dazu beiträgt, dass die pragmatische Auseinandersetzung mit konkreten Herausforderungen der Politik erst einmal die Debatte über den ganz großen Strategiewechsel verschieben wird.
Folgen für die internationale Ordnung
Die meisten unter den weiteren hier aufgeführten Autoren teilen eher die pessimistische Einschätzung von Thomas Wright bezüglich der Folgen einer Präsidentschaft Trumps für die internationale Ordnung. Für Wright sind die USA der zentrale Akteur, der dafür verantwortlich war, dass in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine kooperative internationale Ordnung entstehen konnte, von der viele Staaten profitiert haben, insbesondere die USA selbst. Diese Ordnung bestehe aus dem System des freien Handels, einem System von multilateralen und bilateralen Allianzbeziehungen der Vereinigten Staaten sowie aus der Förderung von Demokratie und Rechtstaatlichkeit durch diese. Nur aufgrund der Tatsache, dass sich US-amerikanische Präsidenten über mehrere Jahrzehnte der Aufrechterhaltung dieser Ordnung verpflichtet gesehen hätten, habe diese Bestand haben können. Die politische Agenda von Trump stehe im vollständigen Kontrast zu dieser Rolle: Er sei ein Protektionist, halte nichts von Allianzen und Sicherheitsgarantien, habe eine Vorliebe für autoritäre Herrscher und verachte die Demokratie. Zwar könne er nicht die Politik der USA alleine bestimmen, aber das Amt des Präsidenten sei einflussreich genug, um enormen Schaden anzurichten. In einem Blogbeitrag zum künftigen außenpolitischen Establishment schreibt Wright am 15. Dezember 2016, dass zwar die meisten Ernennungen traditionelle Republikaner umfassten, aber: „The United States has built and led a liberal international order for the past 70 years. For the first time, America will have a president who rejects that strategy. Trump is not unchallenged, and there are few who share his vision. But he is poised to revolutionize U.S. foreign policy nevertheless.”

Folgen für die internationale Handels- und Währungsordnung

Was den internationalen Handel betrifft, so überwiegt bei den meisten Beobachtern die Skepsis über die künftige US-amerikanische Politik. Die Ankündigung Trumps im Wahlkampf, er wolle das Nordatlantische Freihandelsabkommen (NAFTA) kündigen und neuverhandeln, aus dem noch nicht ratifizierten Abkommen über die Transpazifische Partnerschaft (TPP) aussteigen und die Verhandlungen über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) abbrechen, sorgt bei Joshua P. Meltzer von der Brookings Institution für große Sorge. Wollte Trump Zölle auf Importe aus China und Mexiko erheben, werde das vor allem China zu Gegenmaßnahmen motivieren. Die enge Verflechtung zwischen den Ökonomien der USA und Mexikos in einer Vielzahl von Wertschöpfungsketten werde dazu führen, dass gerade US-amerikanische Unternehmen darunter leiden würden, kündige Trump tatsächlich NAFTA auf und schließe die Grenzen. Brina Seidel und Laurence Chandy von der Brookings Institution sehen ebenso wie Meltzer enormen Schaden für die Weltwirtschaft voraus, sollte Präsident Trump seine protektionistische Agenda umsetzen – die liberalen Normen der internationalen Handelsordnung würden nachhaltig beschädigt. Die Verfasser befürchten einen Handelskrieg zwischen den USA und China, der dazu führen wird, dass sich mehr und mehr Staaten ebenfalls vom Freihandel abwenden und dadurch eine Lawine ausgelöst wird, die nicht mehr zu bremsen ist. Die oft beschworene Unumkehrbarkeit der Globalisierung der Weltwirtschaft, so diese Autoren, könne sich als Fehleinschätzung erweisen, sollte sich die größte Volkswirtschaft der Welt auf den Weg des Protektionismus begeben.

Joshua Meltzer ist nicht ganz so pessimistisch. Für ihn ist es vorstellbar, dass sich Freihandelssysteme ohne die USA konstituieren. So wäre die Absage an das TPP-Abkommen für China ein willkommener Ausgangspunkt, nunmehr seine Vorstellungen über Freihandel im pazifischen Raum umzusetzen. Dabei habe das TPP-Projekt doch gerade dem Ziel gedient, die Regeln des Handels und der Investitionspartnerschaften ohne China zu bestimmen. Die dabei erzielten Erfolge werfe Präsident Trump fort, wenn er dieses Abkommen ablehne. Er treibe die jahrzehntelangen Partner und Verbündeten der USA geradezu in die Arme Beijings. Auch James Pethokoukis vom American Enterprise Institute ist besorgt wegen der protektionistischen Agenda Trumps. Er schreibt, dass die US-Wirtschaft angesichts der Globalisierung besser aufgestellt sein müsste und Innovation sowie staatliche Unterstützung benötige, aber keinen Präsidenten, der Handelspartner verunsichere und Protektionismus umsetze.

Folgen für die transatlantischen Beziehungen

Was die transatlantischen Sicherheitsbeziehungen angeht, so sieht Thomas Wright grundlegende Veränderungen voraus. Dies liege an der Geringschätzung von Allianzen generell durch den neuen Präsidenten ebenso wie an seiner Bevorzugung für große Deals mit führungsstarken Personen, wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Für Wright ist die Zentralität von Russland und dessen Präsident nicht nachvollziehbar, denn dieses Land habe außer mit Blick auf seine Kernwaffen keine strategische Relevanz für die USA. Es sei für den Handel relativ unbedeutend und habe kein Potenzial als Partner. Vielmehr sorge die Rhetorik von Trump und die Ernennung des russlandfreundlichen Rex Tillerson zum Außenminister dafür, dass große Verunsicherung in Europa um sich greife, insbesondere im Baltikum, in Osteuropa sowie in Skandinavien. Dagegen stehe zwar eine Fraktion von republikanischen Traditionalisten im Regierungsapparat von Trump, aber welche der unterschiedlichen Gruppen die Oberhand behalte, sei offen.

Unter europäischen Beobachtern wird eher betont, dass die traditionellen Grundlagen der US-amerikanischen Politik gegenüber Europa voraussichtlich nicht berührt werden und die Kontinuitäten wegweisend sein werden. Dies wird von Bruno Tertrais ebenso betont wie von Henning Riecke vom Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Riecke zufolge wird Trump nicht ohne Unterstützung der Republikanischen Partei auskommen können. Da dort die NATO als ein fester Baustein der Außenpolitik verstanden wird, geht er davon aus, dass sich an der Sicherheitsgarantie der USA für die europäischen NATO-Partner nichts Wesentliches ändern wird. Das Drängen des Präsidenten auf die Übernahme höherer Verteidigungslasten dürfte dazu führen, dass Länder wie Deutschland endlich ihre Verpflichtungen ernst nehmen würden, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungszwecke aufzuwenden. Thomas Wright von der Brookings Institution ist in dieser Hinsicht skeptischer. Er geht davon aus, dass für Trump die Einhaltung der zwei Prozent Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt keine große Bedeutung haben wird, sondern dieser tatsächlich versuchen wird, den Europäern für eine Sicherheitszusage massive Transferleistungen abzunötigen.

Sowohl Riecke als auch andere Autoren betonen die Möglichkeit tiefgreifender Dispute innerhalb der transatlantischen Gemeinschaft. In erster Linie wird befürchtet, dass Präsident Trump versuchen könnte, im Zuge eines erneuten resets die Beziehungen mit Russland auf einer Basis zu etablieren, die innerhalb der westlichen Allianz nicht mehrheitsfähig ist und teilweise wesentliche Elemente transatlantischer Solidarität verletzen könnte. Ein erstes Beispiel könnte die Frage der Sanktionen gegen Russland sein, wobei zu befürchten ist, dass Washington diese aufheben wird. Es werden auch extreme Entwicklungen für möglich gehalten – einerseits ein „Deal“, bei dem Europa (auf Kosten der Ukraine, aber auch der baltischen Staaten) in Einflusszonen aufgeteilt wird, andererseits aber auch ein Zerwürfnis zwischen Trump und Putin, welches angesichts der beiden Persönlichkeiten nicht ausgeschlossen werden kann. Das Potenzial für Streit in den europäisch-amerikanischen Beziehungen ist daher sehr hoch, die damit verbundenen Gefahren für den Zusammenhalt der westlichen Staatengemeinschaft sind enorm. Dies ist auch die Furcht von Adam Lebor vom CSIS in Washington. Mit Trump und seinem Team werde wieder der „hässliche Amerikaner“ zum Vorschein kommen und die Möglichkeiten besonnener Politik in Europa massiv einengen.

Die Beziehungen zu Russland und China

In Russland besteht bei Experten einerseits die Hoffnung, dass sich die amerikanisch-russischen Beziehungen in dem Sinne verbessern können, dass Russland nicht mehr mit Problemen konfrontiert wird, die sich auf die Ukraine und auf Menschenrechte beziehen. Auch wird gehofft, dass die Sanktionspolitik beendet wird. Andererseits gibt es große Sorgen bezüglich der Unberechenbarkeit Trumps und der starken anti-russischen Stimmen innerhalb dessen Administration. Diese Sorge wird vor allem von Dmitri Trenin,Pavel Koshkin und Alexander Baunov vom Moscow Center der Carnegie Endowment geäußert.

Mehrere Autoren fragen sich, warum Russland so sehr im Mittelpunkt des Interesses von Trump steht, obwohl dieses Land keine besondere Bedeutung für die Arbeitsplätze in den USA hat. Kaum einer der Experten bringt diese Russlandorientierung in einen Zusammenhang mit der zentralen Rolle, die China in Trumps Wahlkampf gespielt hat. Für Trump war und ist China das Land, das den US-amerikanischen Bürgern die Arbeitsplätze in der Industrie weggenommen hat und seine Märkte gegen Importe durch eine Reihe von Maßnahmen abschirmt (wie Unterbewertung der chinesischen Währung, Zölle, nicht-tarifäre Handelshemmnisse). Da Trump nicht auf Multilateralismus setzt, sondern in bilateralen Verhandlungen die Interessen der USA durchsetzen will, kann vermutet werden, dass sein Kalkül darauf hinausläuft, China unter Druck zu setzen, sodass die wirtschaftlichen Beziehungen auf eine völlig andere Art neu organisiert werden können. Die Infragestellung der Ein-China-Politik könnte dafür ebenso den Hebel abgeben wie die Annäherung an Putin – gleichsam eine Umkehrung der Kissinger‘schen Großmachtpolitik von 1972. Ziel sei es, von China eine Vielzahl an Konzessionen zu erzielen, die in der Konsequenz dazu führen würden, dass sich der Abzug von Arbeitsplätzen aus den USA umkehrt. Auf diese Möglichkeit weist der Historiker Niall Ferguson, Harvard, in einem lesenswerten Beitrag vom November 2016 in der Zeitschrift The American Interest hin. Ob diese Überlegungen das strategische Denken Donald Trumps reflektieren, bleibt abzuwarten. Ebenso offen ist, ob dieses Konzept eine realistische Chance der Umsetzung hat.

In China selbst, das macht eine Umfrage der Carnegie Endowment deutlich, wird die Präsidentschaft Trumps mit großer Sorge gesehen. Douglas H. Paal etwa befürchtet eine militärische Konfrontation über die Taiwan-Frage. Paul Haenle und Zhao Hai von Carnegie Tsinghua betonen, dass es einerseits zu begrüßen sei, dass die USA einen Präsidenten haben werden, der sich mit den inneren Problemen befassen will. Andererseits bestünden aber große Bedenken bezüglich der Handelspolitik Trumps. Immerhin seien die USA der größte Absatzmarkt für chinesische Produkte, jeder Protektionismus könne in China großen Schaden verursachen.

Bekämpfung des Islamischen Staates

Viele Beobachter registrieren, dass die Bekämpfung des Islamischen Staates hohe Priorität in den Wahlaussagen Trumps hatte und auch die Besetzung seiner Regierungsämter lässt erkennen, dass Personen an den Schalthebeln der Macht sitzen werden, die den islamistischen Terrorismus für die größte Sicherheitsgefahr halten. Bei fast allen Kommentatoren macht sich Skepsis angesichts der damit verbundenen Strategie breit. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass verstärkt die militärische Bekämpfung gesucht und eine generelle Islamskepsis die Politik anleiten wird. Das wird nach Einschätzung von Jonathan Russel, Quilliam Thinktank in London, dazu führen, dass der islamistische Terrorismus mehr Anhänger gewinnen wird. Auch Adam Lebor vom CSIS geht davon aus, dass der von Trump geäußerte Generalverdacht gegen alle Muslime zu einer stärkeren Radikalisierung innerhalb der muslimischen Welt beitragen wird. Lebor zitiert Anthony Cordesman (CSIS) mit dem Satz: „If ISIS wanted to invent an ideal candidate, it would be Donald Trump. Trump is effectively supporting violent Islamic extremism with populist, partisan political extremism.”
Iran und der Nahe Osten
In Trumps Wahlkampf firmierte der Iran als eine weitere Gefahr für den internationalen Frieden. Auch hier überwiegt bei den Experten die Skepsis. Karim Sadjapour von der Carnegie Endowment geht davon aus, dass die Politik Trumps in Teheran die Hardliner stärken und die Position von Präsident Hassan Rohani unhaltbar lassen wird. Die Verlierer einer harten Haltung gegenüber dem Iran werden die Menschen im Iran sein, die sich auf eine Zeit verschärfter innerer Repression werden einstellen müssen. Mark Fitzpatrick vom International Institute for Strategic Studies (IISS) sieht vor allem die Gefahr, dass der gemeinsame, umfassende Plan bezüglich des nuklearen Abkommens mit dem Iran (Joint Comprehensive Plan of Action – JCPOA) von 2015 erledigt sein könnte und sich das Land nicht mehr an die dort festgelegten Bestimmungen zur Begrenzung seines Anreicherungsprogramms hält – mit katastrophalen Konsequenzen für den Nahen und Mittleren Osten.

Eine geänderte Politik gegenüber dem Iran könnte die Lage in der gesamten Region verändern. Frederic Wehrey und Amir Hamzawy von der Carnegie Endowment gehen davon aus, dass in Ägypten und Saudi-Arabien Trump im Vergleich zu Präsident Barack Obama eher als Partner angesehen wird, vor allem, da er eine härtere Haltung gegenüber dem Iran einzunehmen gedenkt. Der Mittelostexperte des IISS, John Jenkins, warnt allerdings vor der Situation, in der Trump im strategischen Konflikt zwischen dem Iran und den sunnitischen Staaten Partei für die eine Seite nimmt. Daraus würden neue Dilemmata (zum Beispiel im Irak) entstehen. Er befürchtet, dass Präsident Trump kein Verständnis für die Komplexitäten der Lage im Mittleren Osten entwickeln und eher zur Verschärfung der Probleme beitragen wird.

Ausblick

Wie der Überblick zeigt, ist die Sorge groß, dass Trump als Präsident enormen Schaden anrichten kann, sollte er seine im Wahlkampf gemachten Ankündigungen umsetzen. Dabei steht in erster Linie die liberale internationale Ordnung infrage. Darüber hinaus kann die europäische Sicherheit sowie die in Ostasien und im Mittleren Osten erheblich destabilisiert werden, sollte die Trump-Administration nicht in der Lage sein, ein Verständnis für die Komplexität internationaler Politik zu entwickeln. Laut Dana H. Allin vom IISS besteht die Gefahr, dass die gleichen politischen Fehler gemacht werden, die in den 1930er-Jahren dazu beigetragen haben, dass die fragile Ordnung der Nachkriegszeit zerbrach. Damals war eine Wahl in Deutschland der entscheidende game changer, die diesen Zustand in einen Weltkrieg übergehen ließ. Die Wahl Trumps ist auch ein game changer, sie wird die internationale Politik verändern, aber die Richtung ist völlig offen. Es gibt, so Allin, die Hoffnung, dass die konstitutionellen Rahmenbedingungen der funktionierenden Demokratie dafür Sorge tragen, dass die Ausschläge nicht zu heftig werden. Zu hoffen ist auch, dass die Administration im Laufe der Zeit pragmatischer wird. Aber die Präsidentschaft von Donald Trump wird für alle – besonders auch für Deutschland und Europa – eine Periode großer strategischer Ungewissheit.

Literatur

Allin, Dana H.: President Trump, in: Survival, 58, (6), 237-248, December 2016, https://www.iiss.org/en/politics%20and%20strategy/blogsections/2016-d1f9/november-b3f2/president-trump-8d2f
Baunov, Alexander: America’s Trump, Russia’Trump, Carnegie Endowment for International Peace, 18. November 2016, http://carnegie.ru/commentary/?fa=66196
Carnegie Endowment for International Peace: U.S. Allies and Rivals Digest Trump’s Victory, Zusammenstellung von Beiträgen von zwölf unterschiedlichen Autoren, 11. November 2016, http://carnegieendowment.org/2016/11/11/u.s.-allies-and-rivals-digest-trump-s-victory-pub-65117
Cordesman, Anthony: Trump takes office. The National Security Agenda he must address by the end of the coming spring, CSIS, 14. November 2016, https://www.csis.org/analysis/trump-takes-office
Ferguson, Niall: Donald Trump’s New World Order, in: The American Interest, 21. November 2016, http://www.the-american-interest.com/2016/11/21/donald-trumps-new-world-order/
Fitzpatrick, Mark: The US has not violated the nuclear deal – and neither has Iran, IISS, 6. Dezember 2016, http://www.iiss.org/en/manama%20voices/blogsections/2016-f0e3/the-us-has-not-violated-the-nuclear-deal---and-neither-has-iran-f1fc
Haenle, Paul/Hai, Zhao: Electing Donald Trump. The view from China, Carnegie Tsinghua Center for Global Policy, 10. November 2016, http://carnegietsinghua.org/2016/11/10/electing-donald-trump-view-from-china-pub-65096
Jenkins, John: A multitude of rivals, The New Statesman, 24. November 2016, http://www.newstatesman.com/world/2016/11/multitude-rivals
Lebor, Adam: Donald Trump. The American stereotype Europeans love to hate, in: Newsweek, 14. Dezember 2016, http://europe.newsweek.com/donald-trump-worse-voldemort-europeans-say-404653?rm=eu
Meltzer, Joshua P.: Trump, trade and security: A way forward. The Brookings Institution,Blogbeitrag,14. November 2016, https://www.brookings.edu/blog/up-front/2016/11/14/trump-trade-and-security-a-way-forward/
Pethokoukis, James: What Trump is telling company bosses, American Enterprise Institute, 7. Dezember 2016, https://www.aei.org/publication/what-trump-is-telling-company-bosses/
Riecke, Henning: Wollen und Können. Trump und die außenpolitische Wirklichkeit, DGAP kompakt Nr. 19, 30. November 2016, https://dgap.org/de/article/getFullPDF/28788
Russell, Jonathan: Why Trump is playing right into ISIS' hands, CNN, 9. Dezember 2016, http://edition.cnn.com/2015/12/08/opinions/trump-isis/
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Tetrais, Bruno: Quelle sera la politique étrangère du président Trump?, Fondation pour la recherche stratégique; note no 19/2016, 9. November 2016, https://www.frstrategie.org/publications/notes/web/documents/2016/201619.pdf
Trenin, Dmitri/Koshkin, Pavel: Trump’s Presidency and the Future of US-Russia Relations. Op-ed des Moscow Carnegie Centers, 7. November 2016, http://carnegie.ru/2016/11/09/trump-s-presidency-and-future-of-us-russia-relations-pub-65102
West, Darrell M.: Four scenarios for a Trump presidency, The Brookings Institution, Blogbeitrag, 14. November 2006, https://www.brookings.edu/blog/fixgov/2016/11/14/four-scenarios-for-a-trump-presidency/
Wright, Thomas: How Donald Trump could change the world. Interview, conducted by Uri Friedman, in: The Atlantic, 7. November 2016, http://www.theatlantic.com/international/archive/2016/11/trump-election-foreign-policy/505934/
Wright, Thomas: Trump’s team of rivals. Riven by distrust, The Brookings Institution, Blogbeitrag, 15. Dezember 2016,
https://www.brooking s.edu/blog/order-from-chaos/2016/12/15/trumps-team-of-rivals-riven-by-distrust/

Verfasst von:

Joachim Krause

Erschienen am:

19. Januar 2017

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